Jens Holst, Peter Tinnemann, Nicolai Savaskan
Die Corona-Pandemie gilt zwar als überwunden, eine systematische, offene und evidenzbasierte Aufarbeitung steckt aber bisher nur in ihren Anfängen und beschränkt sich auf einzelne Analysen. Die Pandemie brachte die Gesundheitsämter, die in ihrer Gesamtheit den
Öffentlichen Gesundheitsdienst(ÖGD) ausmachen, in das Bewusstsein der Bürger:innen dieses Landes zurück und machte nachdrücklich die oftmals unterschätzte Bedeutung der Bevölkerungsmedizin im Sinne von Gesundheitsschutz, Sozialmedizin, Prävention und Gesundheitsförderung deutlich.Die Pandemie zeigte nicht nur die enge Verbindung zwischen verschiedenen Gesundheitsproblemen und Erkrankungsfeldern auf, sondern auch die gesundheitlichen Konsequenzen sozialer Ungleichheit. Es fehlte der erforderliche holistische Blick von Fachleuten für öffentliche Gesundheit - eine Folge jahrzehntelanger gesundheitspolitischer Schwerpunktsetzung auf kurative individualmedizinische Krankenversorgung bei gleichzeitiger politischer Vernachlässigung und chronischer Unterfinanzierung des ÖGD, der allerdings den Herausforderungen der Gegenwart und Zukunft gewachsen sein muss. Dass es nicht weniger als eine Neuausrichtung der Gesundheitspolitik in Deutschland braucht, verdeutlicht eindrücklich der Artikel
Bevölkerungsmedizin in Deutschland: Versorgung und Vorsorge verknüpfenvon
Jens Holst,
Peter Tinnemann und
Nicolai Savaskan im
Gesundheitswesen 88(04). zur besseren Verknüpfung von Versorgung und Vorsorge beitragen. Ohne grundlegendere strukturelle Änderungen, die auch die Verteilung von Ressourcen und Einfluss betreffen, werden alle Reformansätze unvollständig bleiben und letztlich eher zur Verfestigung des Status quo als zur nachhaltigen Verbesserung der Gesundheit und zum Abbau von gesundheitlichen Ungleichheiten beitragen.